Partnerkirchgemeinde Munkacs
Seit 1992 gibt es die Partnerschaft zur Reformierten Kirche in Munkacs in der Westukraine. Über die Jahre hat sich das Miteinander durch regelmäßige Besuche zwischen unseren beiden Kirchgemeinden entwickelt und vertieft. Regelmäßig unterstützen wir die Kirchgemeinde durch Spendenaktionen.
Partnerschaft
Die gegenseitige Unterstützung und Hilfe hat in der Geschichte des Christentums eine lange Tradition. Bereits im Neuen Testament (2. Kor 8) wird von einer Sammlung zur Unterstützung der bedürftigen Gemeinde in Jerusalem berichtet.
Zu Zeiten der DDR war vieles im geteilten Deutschland ungleich verteilt. Aber es gab zahlreiche Partnerschaften über die Grenze, die zu mancher Unterstützung führten, auch hier in Tharandt und Fördergersdorf.
Mit dem Ende der DDR hatte unsere Gemeinde den Entschluss gefasst, die neu gewonnenen materiellen Güter nicht nur für sich allein zu behalten. So wurde nach bewährtem Vorbild eine Gemeinde gesucht, deren Lage wesentlich schlechter als die unsere war und der man so zumindest das tägliche Leben erleichtern konnte.
Partner bei der Suche war das Gustav-Adolf-Werk in Sachsen (GAWiS), eine Organisation, die die protestantischen Kirchen in der Diaspora (also dort, wo sie eine kleine Minderheit sind) unterstützen. Eine Gemeinde war schnell gefunden, es war das Dörfchen Nussbach im siebenbürgischen Rumänien. Eine Gegend, in die schon im 12. Jahrhundert Deutsche ausgewandert waren, um ein neues, besseres Leben zu beginnen. Im Sommer 1991 wurde ein Besuch dort gemacht. Sehr bald wurde aber das typische Problem vieler siebenbürgischer Gemeinden deutlich: es wurden immer weniger Gemeindeglieder. Die Gemeinde starb oder wanderte nach Deutschland aus. Nach kurzer Zeit entschlossen wir uns eine neue Gemeinde zu suchen, da fast niemand mehr dageblieben war.
Wiederum wurde das GAWiS befragt und es wurden uns vier Gemeinden angeboten: drei in der Slowakei und eine reformierte ungarische Gemeinde im westukrainischen Munkács/Мукачево. Da von ersteren keine rechte Antwort kam und unserer Ansicht nach die Lage weiter östlich noch schlechter sein würde, fiel die Wahl auf Munkács, eine Stadt 40 km hinter der ungarisch-ukrainischen Grenze.
Der erste Briefkontakt kam Ende 1992 zustande und im Juli 1993 folgte der erste persönliche Besuch von Deutschland aus mit zwei PKW. Im Jahr darauf war bereits eine kleine Gruppe Jugendlicher aus der dortigen Gemeinde zu Gast in Fördergersdorf und im Jahr 1995 folgte ein auf Grund von Visumsproblemen nur dreitägiger Gegenbesuch in der Ukraine. Doch so einfach ließ sich das nicht fortsetzen. Zunächst fuhren wir jährlich zweimal mit Autos und Kleintransportern nach Munkács und transportierten Kleidung, Medikamente, auch Lebensmittel. Ab 1996 wurde es wegen neuer Bestimmungen an der EU-Außengrenze (damals D-CZ) sehr schwer, Hilfstransporte fahren zu können. Sie wurden wie LKW-Transporte behandelt, was finanzielle Kautionen, Bescheinigungen u.ä. Schwierigkeiten nach sich zog. So wurden die Fahrten mit 200 km Umweg über Österreich und Ungarn gemacht. Ende 1997 war auch diese Möglichkeit so sehr erschwert, dass wir von den Materialtransporten abließen.
Ab 1998 fuhren wir also wieder nur mit PKW und nahmen Geldspenden mit. Geld konnte und kann in beliebiger Menge ins Land gebracht werden und da sich die Versorgungslage dort deutlich gebessert hatte, waren die Sachspenden nicht mehr wirklich nötig.
Erst im Sommer 2000 konnte wieder eine kleine Gruppe nach Deutschland kommen, was aber trotzdem mit sehr großem organisatorischem Aufwand für die Pässe und Visa verbunden war. Mit dem Gewinn des ESC (Eurovision Song Contest) durch die Ukraine im Jahr 2004 wurde ab 2005 die Einreise für EU-Bürger visafrei, was für uns eine große Erleichterung darstellte da nun die teilweise sehr aufwändige Visabeschaffung über die Botschaft im Berlin wegfiel. In der Gegenrichtung blieb es zunächst schwierig, da in Folge der so genannten Visa-Affäre die Vergabe in der deutschen Botschaft in Kiew sehr restriktiv gehandhabt wurde und so auch ein geplanter Besuch der Munkácser bei uns nicht zustande kam. Ein neuer Weg eröffnete sich mit dem Beitritt Ungarns zum Schengenraum (Ende 2007), wodurch mit einem ungarischen Schengen-Visum auch eine Weiterreise nach Deutschland problemlos möglich wurde. So haben wir in den 2000er Jahren mehrere gegenseitige Besuche erlebt, die sehr intensiv und voller Erlebnisse waren.
Mit dem Beginn des Krieges 2014 und der Invasion 2022 erleben wir nun wieder eine neue Etappe unserer Partnerschaft. Zunächst waren Besuche mit Geld wichtig, da wir zu den sehr wenigen gehörten, die nach Kriegsbeginn noch in die Ukraine fuhren. Der symbolische Wert unserer Anwesenheit war höher als der faktische materielle Nutzen. Nach Beginn der Invasion ist es nun ein Land im Kriegszustand. Jetzt sind Hilfstransporte sehr nötig, aber auch sehr einfach, da die vorher recht strengen Regeln aufgehoben wurden. So machen wir wieder Kleintransporterfahrten mit Lebensmitteln, Dingen des täglichen Bedarfs aber auch Generatoren oder Gummistiefeln – was gebraucht wird.
Wir hoffen sehr, dass dieser unsägliche Krieg ein baldiges Ende finden möge, damit nicht noch mehr Menschen sterben und wieder Ruhe einzieht. Das Land braucht den Wiederaufbau mehr als nötig.
Geschichte von Munkács
Im 6.-9. Jh. lassen sich Spuren einer slawische Siedlung belegen. Ende des 9. Jahrhunderts begann die große Magyareneinwanderung aus Innerasien über die Karpaten in die pannonische Ebene (895). Der Sage nach befindet sich der Hauptpass nahe der Stadt (Werezkyj-Pass). Im 10./11. Jahrhundert gehörte die Stadt zur Kiewer Rus, dem ersten großen russisch/ukrainischen Staatsgebilde des Mittelalters. Eine Burg wurde auf einem vulkanischen Felsen vor der Stadt gegründet und mehrfach erweitert. Die Stadt erlangte einige Bedeutung als regionales Zentrum Podoliens. Im 13. Jahrhundert kam die Region unter die Herrschaft ungarischer Fürsten, wo es bis ins 20. Jahrhundert verblieb. Am 22.5.1376 wurde Munkács Stadtrecht verliehen, im Jahre 1445 das weiterführende Magdeburger Recht, womit die Stadt unabhängig wurde (königliche Freistadt).
Ab 1633 herrschte das mächtigste ungarische Adelsgeschlecht der Familie Rákoczy. Bereits in dieser Zeit kam es zu Aufständen besonders gegen die Österreicher und die Polen, die beide Anspruch auf Stadt und Land erhoben. Die Bewohner verbündeten sich in den 1650er Jahren mit dem Kosakenhetman Bogdan Chmelnitzki gegen den polnischen Adel, welches dieser 1657 mit vollständiger Plünderung und Einäscherung der Stadt heimzahlte. Während der ungarischen Aufstände gegen die Habsburger Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts stand die Stadt mehrfach im Zentrum des Geschehens. Zu einiger Berühmtheit gelangte die Verteidigung der Burg durch Ilona Zrinyi (der Frau des aufständischen Grafen Imre Thököly), die erst nach drei Jahren am 14.1.1688 aufgab. Ein weiterer großer Aufstand gegen Österreich unter Ferenc Rákoczy II. endete erst nach vier Jahren 1707 mit einem Vergleich, der in den Frieden von Satmár/Satu Mare 1711 mündete. Die Stadt wurde aus Rache nochmals geplündert. Der gesamte Kreis kam dauerhaft unter direkte österreichische Verwaltung, womit für etwa 200 Jahre Ruhe einzog. 1728 wurde die Stadt an die Grafenfamilie Schönborn-Buchheim vergeben.
Ende des 19. Jahrhunderts war die Region vollends zum Armenhaus geworden. Beredtes Beispiel dafür sind die Auswanderer, von denen allein in den Jahren 1890-1913 über 100.000 ihr Glück in der Neuen Welt suchten.
Im Ersten Weltkrieg stand Ungarn als Teil der Donaumonarchie auf Seiten der Verlierer, mit schlimmen Folgen. 1919/1920 wurden in verschiedenen Schlössern um Paris die fünf so genannten „Vorortverträge“ geschlossen, die den Ersten Weltkrieg formal beendeten. Ungarn betraf der Vertrag von Trianon 1920, in dem es über 70 % seiner Landfläche verlor, ein Verlust, der bis heute als nationales Trauma in vielfältiger Weise nachwirkt.
Ein Teil welcher damals abgetrennt wurde war Transkarpatien (oder Karpato-Ukraine) mit seinem Hauptort Munkács. Dieses Land wurde der neu gegründeten Tschechoslowakischen Republik zugeschlagen. Hier verblieb es nicht sehr lange. Ab 1938 bis in den Zweiten Weltkrieg wiederum ungarisch (Wiener Schiedsspruch), wurde es nach dem Einmarsch der Roten Armee 1944 der Sowjetunion eingegliedert. In diesen Kriegs- und Nachkriegsjahren wurden wahlweise Slowaken, Deutsche, Ungarn oder Juden deportiert und im Falle der Juden ermordet. Die Gebietshauptstadt wurde nach Ungvár/Ужгород verlagert, um das historische Zentrum Munkács zu entmachten. In den folgenden Jahren setzte wie überall in „unsicheren“ Grenzregionen der Sowjetunion eine verstärkte Ansiedlung von Menschen aus anderen Regionen ein, um die ursprüngliche Bevölkerung zu schwächen. Als 1991 die Sowjetunion zerfiel, kam das Land zur neu gegründeten Ukraine.
Heute ist die Stadt auf dem Weg zurück nach Mitteleuropa. Durch die nahen Grenzen zu Ungarn, der Slowakei und Rumänien gibt es vielfältige Beziehungen nach Westen (und viele „Grenzgeschäfte“). Das Bruttosozialprodukt liegt aber dennoch pro Kopf 25 % unter dem ukrainischen Durchschnitt.
Die Stadt hatte um 1890 etwa 10.000 Einwohner. Davon waren ca. 50 % Juden, der Rest mehrheitlich Ungarn und Ruthenen. Heute sind es rund 85.000, wovon die meisten Ukrainer sind (80 %). Die ungarische Minderheit ist auf wenige Prozent geschrumpft, Juden sind einzeln abzählbar.
Die Region Transkarpatien umfasst knapp 13.000 km², dort leben 1,2 Millionen Einwohner (Ukraine gesamt: 52 Millionen), wovon wiederum 150.000 Ungarn sind. Nach Beginn der Invasion 2022 ist ihr Anteil durch Flucht nochmals stark zurückgegangen.
Kirche und Gemeinde
Unser Kontakt besteht zur Reformierten Kirche der ungarischen Minderheit in der Karpato-Ukraine. Die Reformierte Kirche in Ungarn (Gründung 1567 in Debrecen) konnte sich unter der relativ milden und dem Protestantismus zugeneigten Herrschaft Kaiser Maximilians II. (1564-1576) gut entwickeln und erreichte einen großen Teil der Bevölkerung. Die Gegenreformation kehrte das zum Teil wieder um, aber viele Ungarn blieben bis heute reformiert (ca. 15 %). In der Zeit der Sowjetunion war die Reformierte Kirche verboten. Nach 1945 wurden viele Pfarrer deportiert und teilweise jahrelang in Sibirien oder Kasachstan gefangen gehalten, kirchliche Gebäude eingezogen und anderweitig genutzt. Anfang der 1990er Jahre wurde die Kirche wieder zugelassen und hat eine große Anzahl ihrer Gebäude zurückbekommen, meist in üblem Zustande. Dazu zählen nicht nur Kirchen, sondern auch Pfarrhäuser und Gemeindehäuser.
Die Gemeinde ist nicht sehr groß (ca. 800 Mitglieder). Viele sind bereits älter, da die Jüngeren wenn möglich in den Westen gegangen sind, besonders nach Beginn der russischen Invasion. Sie ist aber durch ihre Besonderheiten in der Stadtgesellschaft deutlich sichtbar (Sprache, Glaube, Aktivitäten). Die Leitung der Gemeinde liegt in den Händen eines Kirchenvorstandes (Presbyterium) mit dem organisatorischen Leiter („Kurator“) und des Pfarrers als geistlichem Leiter.
Gemeindeaktivitäten
Zentraler Baustein der Arbeit ist der Gottesdienst, der mehrfach in der Woche gefeiert wird. Die Kirche ist besonders zu den Sonntagsgottesdiensten gut gefüllt, mit nach wie vor bestehender Trennung Männer-Frauen. Umgangs- und Predigtsprache ist nach wie vor Ungarisch, wobei meist eine simultane Übersetzung ins Ukrainische angeboten wird. Neue Gemeindeglieder sind oft Ukrainer, die kein Ungarisch verstehen. Alle Gottesdienste werden ins Internet gestreamt und sind auch im Nachhinein abrufbar. So können auch die mitfeiern, die nicht vor Ort sind/sein können.
Es gibt verschiedene Gemeindegruppen, so z.B. eine Jugendgruppe, einen kleinen Chor (älterer Damen), Rentnerkreise, ein Kinderzentrum („Pusteblume“) mit zahlreichen Angeboten usw. Diese Gemeindearbeit ist eine Besonderheit in Osteuropa, da die orthodoxen Kirchen so etwas nicht kennen.
Von einiger Bedeutung ist die gemeindeinterne „Bedürftigenkartei“. Hier sind alle Personen aufgenommen, die einer Unterstützung bedürfen. Es wird vermerkt wer wann was bekommen hat. Die Hilfe reicht von Heizkosten über Medizin bis zu Lebensmitteln.
Neben dem historischen Kirchengebäude von 1788 stehen zwei Gemeindehäuser, welche in den letzten Jahren nach Rückgabe renoviert wurden. In einem befinden sich Gemeinderäume und im Obergeschoss Gästezimmer, im zweiten wurde eine Arztpraxis nach westlichem Standard eingerichtet (mit Hilfe zweier Ärztinnen aus Hanau). Eine ebenfalls im Gebäude befindliche Apotheke bringt einige Mieteinnahmen, so dass für Mittellose der Arztbesuch sehr billig gemacht werden kann. Dies sorgt andererseits für lange Wartezeiten.
In den letzten Jahren ist der Mission unter den Ärmsten der Stadt, den Roma, größere Bedeutung zugekommen. Kleine Kirchen wurden errichtet, Gottesdienste werden gefeiert und Religionsunterricht gegeben. Zu einer Kirche gehört auch immer ein Sanitärtrakt, um die Hygiene zu verbessern, die in diesen Vierteln nicht existiert.
Kinderheim
Mitte der 1990er Jahre beschloss die Gemeinde, aufgrund der sozialen Lage vieler Kinder, ein Kinderheim zu eröffnen. Vorausgegangen waren Gespräche und Planungen mit den Leitern des Evangelischen Mädchenheimes Niefernburg (Baden-Württemberg). Eröffnet wurde es mit vier Kindern 1997. Nach dem bescheidenen Beginn wurde es schnell ausgebaut, so dass sehr bald um die 20 Kinder im Haus wohnten. Das ist im Vergleich zu anderen osteuropäischen Kinderheimen, in denen z. T. über 600 Kinder zusammenleben, wirklich eine familiäre Atmosphäre.
Nachdem der rechtliche Rahmen für Kinderheime in der Ukraine in den 2000er Jahren neu formuliert wurde, konnte diese Art eines kleinen Kinderheims „familiären Typs“ nicht mehr aufrecht erhalten werden. Die neue Struktur ist eine Pflegefamilie mit bis zu 10 zusätzlich aufgenommenen Kindern. So funktioniert es weiterhin. Inzwischen haben aus Altersgründen die Pflegeeltern gewechselt und nach längerer Suche wurden neue gefunden. Auch das Gebäude wurde über die Jahre Schritt für Schritt renoviert, bedarf aber weiterer Investitionen (Dach, Drainage usw.).
Ausblick
Niemand weiß wie und wann der Krieg enden wird. Wir fahren immer wieder Transporte und wissen uns durch Gottvertrauen getragen. Das hören und spüren wir auch bei jedem Besuch. Der Glaube verbindet uns und gibt uns die Hoffnung, dass wir uns in der Zukunft unter besseren Umständen wiedersehen werden.